Kontakt

Vielen Dank für Ihre Nachricht.

Wir werden uns umgehend mit Ihnen in Verbindung setzen.

 
23.10.14

Maria Woodburn

Englisches Tagebuch

Kürzlich besuchte uns Lebensreise-Autorin Maria Woodburn am OmniScriptum-Stand auf der Frankfurter Buchmesse. Diese tolle Gelegenheit ließen wir uns nicht entgehen und haben Frau Woodburn zu einem spontanen Interview eingeladen. Bei einem gemütlichen Plausch im Cafe durften wir viel Spannendes über das Leben in England und die Eigenarten der „Insulaner“ erfahren. Maria Woodburn ist mit einem Engländer verheiratet und lebt seit fast 25 Jahren mit Ihrem Mann und 3 Kindern in der Nähe von London. Ihr Englisches Tagebuch ist 2014 im Verlag Lebensreise erschienen.

 Titel "Englisches Tagebuch" bei MoreBooks bestellen

 

 Frau Woodburn, wie kamen Sie zum Schreiben?

Es hat eigentlich damit angefangen, dass ich unbedingt eine Schreibmaschine mit deutscher Tastatur haben wollte. Weil ich in England keine finden konnte, bin ich nach Heidelberg geflogen, um mir ein deutsches Laptop zu kaufen. Natürlich wollte ich die Tastatur ausprobieren – so begann ich, kleine Texte zu schreiben – quasi als Test. Als dann meine Mutter krank wurde und starb, stürzte ich mich in die Arbeit als Vertretungslehrerin. Für einen Schulausflug sollte ich eines Tages einen Bericht für den Schüler-Newsletter schreiben. Darin ging es um die Canvey Island und die Eigenarten der Insulaner. Das Feedback der Schüler, Eltern und des Direktors war toll, das hat mich ermutigt, mit dem Schreiben weiter zu machen. Ich suchte wieder die alten Texte aus meiner ersten Zeit in England hervor, die ich schon damals als eine Art Tagebuch geschrieben habe - das waren schon 80 Seiten. Unter dem Titel „Meine kleine grüne Insel“ versuchte ich 2011, einen Verlag für die Texte zu finden, aber damals gab es fast nur Zuschussverlage, die für mich zu teuer waren. Deshalb fing ich mit dem Bloggen an, das war eine kostenlose Möglichkeit, die Texte zu veröffentlichen. Ein weiterer Grund zu schreiben war für mich, dass ich eine positive Verbindung mit Deutschland aufrechterhalten wollte. Nach dem Tod meiner Mutter gab es nur noch wenige Anlässe, nach Deutschland zu reisen, und meist waren es traurige Anlässe wie z.B. Beerdigungen. In meinen Blogs schrieb ich deshalb vor allem über die schönen Seiten Deutschlands und die Schnittpunkte zwischen Deutschland und England - das hat mir geholfen, mit dem Heimweh umzugehen. Und mit den Spannungen, die es damals in meinem Umfeld gab – nicht alle waren damit einverstanden, dass ich mich nach England verheiratet habe. Durch das Schreiben konnte ich mir eine Welt schaffen, in der ich mich wohlfühle.

 Was war Ihr Traumberuf in Ihrer Kindheit?

Musiklehrerin. Als Kind bekam ich auch klassischen Gitarrenunterricht, aber ich habe wohl nicht genug geübt (lacht). Später auf dem Gymnasium fand ich auch die Naturwissenschaften interessant, aber Menschen haben mich immer etwas mehr gereizt. Ich habe im Abitur Pädagogik belegt und später Psychologie studiert. In England wurde ich als Sprachlehrerin für den englischen Schuldienst ausgebildet und hatte für einige Jahre eine Festanstellung. Als ich dann mehrere Kinder hatte, habe ich als Vertretungslehrerin in sämtlichen Fachbereichen gearbeitet. In meinen ersten Texten ging es darum auch vor allem um kulturelle und soziale Themen, z.B. die hohe Arbeitslosigkeit in England oder um meine Zeit an einer „Problem“-Schule in den Banlieus von Tolouse.

 Haben Sie bestimmte Rituale, wenn Sie schreiben?

Ich schreibe meistens am Vormittag, wenn ich auf die Waschmaschine warte (lacht). Zwischen 7 und 9 Uhr morgens erfahre ich, ob ich an diesem Tag Vertretungsstunden habe. Wenn nicht, kommt die Wäsche an die Reihe. Ich schreibe immer im Wohnzimmer und am Computer, nie von Hand. Ich finde, von Hand zu schreiben ist unpraktisch, weil man den Text nicht direkt bearbeiten kann. Das ist wichtig für mich, denn nach fast 25 Jahren in England bin ich nicht mehr so geübt im Alltagssprachgebrauch. Darum schlage ich öfter mal deutsche Wörter nach und muss hier und da etwas korrigieren, am Computer geht das schneller. Das Schreiben ist so übrigens auch eine gute Übung, um mein Deutsch aktuell zu halten.

 Gibt es ein Buch, das Sie in Ihrem Leben besonders beeinflusst hat?

Ja, besonders beeindruckt hat mich „Elizabeth and her German Garden“ von Elizabeth von Arnim. Darin habe ich so viel von meiner eigenen Geschichte wiedergefunden. Elisabeth hatte zu dem Zeitpunkt, als dieses Buch entstand, 3 Kinder, wie ich selbst ja auch. Sie wurden sogar zur gleichen Jahreszeit geboren. Elisabeth schrieb über ihre Erfahrungen als Engländerin in der deutschen Kultur, ich über meine Erfahrungen als Deutsche in England – es gibt also viele Gemeinsamkeiten.

 Was ist das letzte Buch, das Sie gelesen haben? Welches Buch lesen Sie aktuell?

Ich habe gerade mit dem „Flohnmobil“ von Beatrice Jung angefangen, das durfte ich mir ja gestern an Ihrem Stand mitnehmen. Das hat mich gefreut, ich kenne Frau Jung nämlich schon länger aus der Blogszene und verfolge regelmäßig ihren Blog auf WordPress. Und ich lese gerade „Die Täuschung“ von Charlotte Link.

 Was war Ihr schönstes, lustigstes, außergewöhnlichstes Erlebnis in Ihrem Berufsleben?

Ich habe damals in einer integrierten Gesamtschule unterrichtet, in einer Klasse mit „Problemschülern“. Meine Chefs haben mir gesagt „Wenn Sie es schaffen, dass die Kinder auf ihrem Platz bleiben und sich einigermaßen ruhig verhalten, dann haben Sie schon viel erreicht!“. Mehr sollte ich von den Kindern nicht erwarten. Eines Tages habe ich mitbekommen, wie ein Mädchen aus dieser Klasse sich auf dem Flur mit der Putzfrau in fast perfektem Deutsch unterhielt. Ich fragte nach und erfuhr, dass dies die deutsche Mutter des Mädchens war und sie ihr Kind zweisprachig erzogen hatte. Ich dachte, dass sie mit so guten Deutschkenntnissen zumindest im Deutschunterricht bessere Chancen hätte als bisher angenommen. Ich beobachtete das Mädchen von da an genauer und kam zu dem Schluss, dass sie auch in den übrigen Fächern besser abschneiden könnte, wenn sie richtig gefördert würde. Ich habe dann gegen den Widerstand meiner Chefin durchgesetzt, dass sie andere Unterrichtsmaterialien bekam und später in eine höhere Gruppe wechseln durfte. Sie hat dann auch tatsächlich ihre mittlere Reife mit „sehr gut“ bestanden.

 Ihr "Englisches Tagebuch" ist in diesem Jahr beim Verlag Lebensreise erschienen. Was hat Sie davon überzeugt, dass dies der richtige Verlag für Sie ist? Wie empfanden Sie die Zusammenarbeit mit unserem Verlag?

Der Verlag hat einfach thematisch sehr gut gepasst. Bei Lebensreise geht es ja auch um die persönlichen Geschichten von ganz normalen Menschen. Und natürlich fand ich es toll, dass die Veröffentlichung kostenlos ist, nachdem ich ja mit den Zuschussverlagen nicht so gute Erfahrungen gemacht habe. Dadurch konnte ich auch mehr von meinen Büchern meinen Freunden schenken. Meine Bücher zu verschenken ist für mich eigentlich die schönste Form der Kommunikation, noch aussagekräftiger als beispielsweise ein Brief.

 Was mögen Sie am meisten an Ihrer neuen Heimat? Und was vermissen Sie an Deutschland?

Es gibt viele kleine Unterschiede zwischen England und Deutschland. In England funktionieren Dinge und Abläufe nie so richtig, beispielsweise wenn man Handwerker im Haus hat. Natürlich kann man das nicht pauschalisieren, aber es war zumindest meine Erfahrung, als wir kürzlich angebaut haben. Ich glaube, in Deutschland ist die Organisation oft besser. Engländer sind vielleicht etwas unorganisierter als Deutsche, machen das aber mit ihrer Nettigkeit wieder wett. Mir gefällt, dass die Engländer immer um ein höfliches Verhalten bemüht sind, selbst wenn sie sich innerlich vielleicht gerade ärgern. In England wird viel mehr das Positive an Menschen und Situationen hervorgehoben, man ist sehr zurückhaltend damit, etwas Schlechtes über andere zu sagen. Ich muss aber sagen, dass sich in diesem Bereich die Deutschen auch sehr gebessert haben.
An Deutschland vermisse ich das Essen. Vor allem den deutschen Kuchen... der englische Kuchen ist mir ein wenig zu süß. Mein Brot habe ich mir von Anfang an selbst gebacken. Früher musste ich mir die Backmischungen in Deutschland besorgen, aber heute gibt es in meiner Nähe eine deutsche Bäckerei, das hat mich sehr gefreut.

 Dürfen wir uns auf ein weiteres Buch freuen?

Grundsätzlich kann ich mir schon gut vorstellen, wieder ein Buch bei Ihnen zu veröffentlichen. Bis dahin muss ich aber noch etwas mehr Material sammeln.

 Welchen Rat würden Sie neuen Autoren mit auf den Weg geben?

Geduld haben! Man wird nicht über Nacht Bestseller-Autor. Man sollte Lust am Schreiben haben und das Schreiben an sich sollte einen zufrieden stellen, nicht erst der Erfolg. Nur für sich selbst zu schreiben funktioniert aber auch nicht. Wenn man sich z.B. nur seinen Frust von der Seele schreibt, ist das für andere nicht sehr interessant. Man sollte sich immer vorstellen, dass man seine Geschichte einem imaginären Partner erzählt. Und man sollte sich treu bleiben: Das bedeutet für mich einerseits, niemanden zu kopieren, den eigenen Stil und die eigene Meinung nicht zu verfälschen. Und andererseits bedeutet es auch, nur solche Texte zu schreiben, die man vor sich selbst vertreten kann, mit denen man leben kann. Beispielsweise würde ich nichts schreiben, worunter meine Kinder später zu leiden hätten.